Was ist gute Systemkritik?
Ich habe zwei Patenkinder. Sie sind natürlich sehr entzückend, darin sind sie sich ähnlich. Was den Umgang mit «Copaganda» angeht, wachsen sie fundamental unterschiedlich auf.
Copaganda, eine Zusammensetzung aus dem englischen Wort «Cop» für Polizist*innen und «Propaganda», bezeichnet die Heroisierung von Polizist*innen in der Popkultur und auch PR-Aktionen der Polizei. Zum Beispiel, wenn Polizist*innen Tanzvideos und Fitness-Challenges posten, oder, wie die Thurgauer Polizei, Videos von Schweinen, die für Drogeneinsätze eingesetzt werden. Der Effekt ist, dass Leute denken: «Jöö, die Schweine sind ja mega herzig!», statt etwa so etwas wie «Bullenschwein! Gar nicht herzig!». Bemängelt wird an «Copaganda», dass sie Kritik am System Polizei durch sympathische Imagearbeit verwässert, ohne dass Probleme wie Rassismus, Sexismus, der Umgang mit prekarisierten Menschen und Machtmissbrauch in Polizeistrukturen aufgearbeitet werden.
Das eine Patenkind von mir lebt in den USA und wird von seinen Eltern zu einer expliziten Skepsis gegenüber der Polizei erzogen. Es gibt mehrere Fotos von ihm mit Angela Davis, die Mitglied der Black-Panther-Bewegung war und eine bekannte Abolitionistin ist. Mit seinen sieben Jahren durfte er sie schon mehrmals treffen. Die Schweizer Grosseltern des Kindes wurden schon ermahnt, ihm keine Polizei-Kinderspielzeuge zu schenken, was auf grosselterlichen Widerstand stiess. Sie fanden diese Regel übertrieben, wollten aber auch ein bisschen provozieren. Seine Eltern aber fanden die süssen Polizeiautos geschmacklos angesichts der Black-Lives-Matter-Proteste und ihrer eigenen politischen Position.
Vom anderen Patenkind dagegen, das in München lebt – also in Bayern, bekannt für eine besonders rigorose Polizei – habe ich letztens Fotos in seinem Faschingsoutfit bekommen, das er kaum mehr abziehen wollte: In Münchner Polizeiuniform strahlte er in die Kamera. Seine Tante konnte es sich nicht verkneifen, die Bilder mit einem «ACAB» und einem lachenden Smiley per Nachricht zu kommentieren. Daraufhin gab es Unmutsäusserungen vonseiten der Mutter, weil sie sich verurteilt fühlte.
Ich musste über den harten Kontrast lachen. Zwar fand ich es leicht befremdlich, ein Patenkind in Polizeiuniform zu haben, doch gibt das einen Anlass, über das A in ACAB nachzudenken. Dass ACAB immer eine gewollte Provokation in sich trägt, ist klar. Dass auch Copaganda eine Provokation mit sich bringt, geht oft vergessen. Beide transportieren Pauschalaussagen über Polizist*innen, obwohl es ja eigentlich um das System geht.
Meinem Münchner Patenkind hingegen geht es um eine Faszination für den Kampf gegen das Böse. Wüsste er von rassistischer Polizeigewalt und den Chatgruppen, wäre er wohl raus. Obwohl – man sagt Kindern ja eine Faszination für Männer in Uniform nach. Ob die so naturgegeben ist, wie manche Eltern behaupten, sei dahingestellt. Das andere Patenkind mag dafür die Feuerwehr.
Als heranwachsende Männer, beide nicht-weiss sowie muslimisch gelesen, werden sie sich wohl selbst noch einmal Gedanken machen müssen, wie ihr Verhältnis zur Polizei sein wird, jenseits des einfachen «Freund und Helfer» und «ACAB» – mal sehen mit welchem Mindset sie sicherer durch die Welt kommen.