«Freundschaft ist mir wichtig»

11.03.2026Aufgezeichnet von HANNA FRÖHLICH

«Ich verkaufe Surprise seit etwa 23 Jahren bei der Sternwarte Urania in Zürich. Diesen Ort habe ich selber ausgewählt. Ich bin gerne frei; hier muss ich niemandem Rechenschaft abgeben, keinem Laden zum Beispiel. Ich habe eine gewisse Treue zu den Orten, weil man dort einzelne Leute kennt.

Zu Surprise kam ich, weil ich Hunger hatte. Das Wort ‹obdachlos› ist eigentlich verkehrt. Meistens gibt es ein Dach, aber Wände fehlen. Die haben irgendwann auch bei mir gefehlt. Der Beruf hat auch gefehlt. Dann kam das Bedürfnis, den Hunger zu stillen. Ich sah Leute auf der Strasse Surprise verkaufen und dachte: «Das ist niederschwellig, da kann ich fast schon von heute auf morgen Geld verdienen.»

Es hat sich von Anfang an gelohnt, es war ein sozialer Aufstieg. Zudem hat es weniger Stress bedeutet, denn du musst die Nahrung nicht finden, sondern kannst sie kaufen. Die Tagesstruktur hat mir geholfen, auch die Kontakte mit anderen Menschen. Es ist sinnstiftend, wenn du dir überlegst, was gut für die Kundschaft ist – überlegen, wie ich einen Beitrag leisten kann, der ihre Probleme löst, wenn sie schon meine lösen.

Lesen ist etwas sehr Wichtiges. Bücher sind etwas Wichtiges. Ich bin allerdings kein Vielfrass. Ich picke mit der Pinzette einzelne Wörter aus Büchern heraus, setze sie neu zusammen. Ich habe ein Faible für Grammatik. Während meiner Obdachlosigkeit habe ich auch mal Deutschstunden gegeben.

Ich besitze deswegen auch eine kleine Schatztruhe aus Heften mit Wörtern, die ich spannend finde: «mucksmäuschenstill», «fuchsteufelswild» oder «Dreikäsehoch» gefallen mir sehr. Der Klang ist wichtig. Ich habe eine grosse Faszination für Sprache und Bilder, Malerei zum Beispiel. Aber viel mehr bin ich ein Schriftfetischist. Ich habe das Glück, dass von vier Grosseltern und zwei Eltern nur eine Person nicht Lehrer*in ist. Das prägt.

Seit anderthalb Jahren wirke ich bei den sozialen Stadtrundgängen mit. Das ist eine sehr erfüllende Tätigkeit. Das Wohlwollen und Interesse der Leute, die kommen, ist gross. Es ist eine schöne Erfahrung, sehr kreativ. Ich spreche dort unter anderem über psychische Krankheit, weil ich selber sieben Jahre psychisch krank war.

Dazu war ich fünfzehn Jahre obdachlos. Ich hatte es jedoch besser als andere Obdachlose. Einerseits weil ich in der Natur einen Schlafplatz hatte, abseits der Stadt.

Andererseits weil ich über siebzehn Jahre jeden Abend vier Stunden im Pflegeheim, wo meine Mutter wohnt, zu Besuch sein konnte. Meine Mutter war psychisch sehr angeschlagen. Sie ist mittlerweile 89 Jahre alt.

Ich bin Herzenszürcher, meine Mutter ist aus Frankreich, mein Vater war Deutscher. Er war ein sehr strenger Mathelehrer. Ein Verstandesmensch. Meine Mutter ist mehr Herzensmensch. Sie ist eher künstlerisch, Ernährungsberaterin. In der Schweiz lebt nur mein Bruder. Familie ist sehr wichtig für mich.

Ich wünsche mir, meine Freundin bald zu sehen, aber ich sehe sie nur am Samstag. Kennengelernt haben wir uns über meine erste Kolumne fürs Surprise. Sie hatte mir daraufhin eine Mail geschrieben.

Freundschaft ist mir wichtig. Und Treue auch. Ich befolge islamische Regeln: Seit achtzehn Jahren mache ich Ramadan, seit vier Jahren sage ich fünf Gebete am Tag. Das mache ich wegen meinem Freund Habib, er kommt aus Tunesien. Er musste sich unserer Kultur anpassen. Also passe ich mich seiner an. Er macht einen Schritt auf uns zu, ich mache einen auf ihn zu. Das finde ich fair.»

Über Nicolas Gabriel

Nicolas Gabriel, 61, verkauft Surprise in der Nähe Sternwarte Urania Zürich. Er hat ein Faible für Grammatik und sammelt Wörter, die ihm gefallen.