Der lange Weg der Aussöhnung

Fürsorgerische Zwangsmassnahmen: Markus Christen wurde als Kind ins Heim gesteckt. Dass er heute handlungsfähig ist und einigermassen zufrieden, verdankt der 71-Jährige drei Frauen und sich selbst.

16.01.2026Sara Winter SayilirFotos: Klaus Petrus

Markus Christen war das letzte Heimkind Nidwaldens. 1954 kam er in Chur zur Welt, seine Familie hingegen wohnte damals im Raum Baar. Mit drei Jahren wurde er im Waisenhaus Wolfenschiessen «anstaltsversorgt», das war der Heimatort seines Vaters. Unterernährt soll Christen gewesen sein und mindestens ein Jahr verzögert in der Entwicklung, so hat man es ihm dort erzählt. «Mein Vater behauptete wohl, die Mutter habe über den Hag gefressen. Das Ergebnis sei dann ich gewesen», wiederholt Christen, was man ihm als Gründe seiner Inobhutnahme genannt hatte. «Wie es wirklich war, kann ich nicht sagen.» Er weiss nur: Seine sechs Geschwister wuchsen im Familienverband auf, seine Familie war nicht arm. «Man konnte in diesem streng katholischen Umfeld, wozu die ganze Gegend damals gehörte, noch relativ schnell jemanden loswerden, der nicht ins Familienbild passte – hab ich gerüchteweise gehört. So hat es mich wohl ins Heim geschossen.»

Einsicht in die Akten hat er nie verlangt. Das, was ihm bekannt ist, ist schon genug zum Aushalten. Vierzehn Jahre lebte Christen im Waisenhaus unter der Aufsicht von Ordensfrauen. Sie herrschten streng und mit Gewalt. «Man bekam dort als Kind keine Zuneigung im Sinne von Wärme und Berührungen. Alles orientierte sich streng am katholischen Glauben.» Christen beschreibt seine schlechte körperliche Verfassung damals als kleiner Junge als «Glück im Unglück», dadurch seien ihm viele körperliche Züchtigungen erspart geblieben. Mit sechs oder sieben Jahren war Christen allerdings «aufgepäppelt». Ab da erging es ihm wie allen. Kinder, die wegen Ungehorsam oder schlechtem Betragen in die Arrestzelle mussten, bekamen weniger Essen. Zur Strafe wurden die Kinder auch von den Nonnen an Haaren und Ohren gezogen und mit Stöcken geschlagen. Wer die Schule schwänzte, bekam es mit dem Armenvogt zu tun, wer nicht zum Gottesdienst erschien, dem drohte der Pfarrer. «Entweder ein paar Stunden in die Kiste oder Züchtigung. Oder aber ein zusätzlicher Einsatz im Garten, da gab es immer Arbeit», erinnert sich Christen.

Seine Eltern hat er nie wieder gesehen. An den Sonntagnachmittagen hätten sie ihn besuchen können. Von sich aus die Eltern aufzusuchen, «das wäre nicht möglich gewesen», sagt Christen. Das Leben im Waisenhaus war eng getaktet. Einmal aber hat Christen seine Geschwister getroffen, da war er noch nicht siebzehn. Eine seiner älteren Schwestern hatte ihn durch einen Zufall in einer Radiosendung gehört, zu der die Heimleiterin Christen angemeldet hatte – offenbar war den Nonnen bewusst, dass der kleine Markus nicht auf den Kopf gefallen war. Noch am Tag der Sendung auf Radio Beromünster rief eine Pia im Heim an. Sie sei die Schwester des Markus Christen. Ein paar Wochen später kam sie auf Besuch, mit dem Zug. «Dann steigt da eine schöne junge Frau aus, hier am Bahnhof Wolfenschiessen. Natürlich bin ich stolz mit der durchs Dorf Richtung Kinderheim marschiert», erzählt Christen. Nach Familie habe es sich zwar nicht direkt angefühlt, aber immerhin «endlich mal Begleitung». Ein halbes Jahr nach dem Besuch trommelte dieselbe Pia einmal alle Geschwister zusammen, in einer Beiz in Baar. Manche der Älteren – es waren alles Frauen bis auf einen – waren schon verheiratet, kamen mit ihren Ehegatt*innen und teilweise mit Kindern. Christen erinnerte die Atmosphäre an eine «Art Generalversammlung», es wirkte gar nicht familiär. Und ihm fiel etwas auf: «Die Nachzüglerin, die als Letzte direkt nach mir geboren wurde, die habe ich dann schräg angeguckt: eine bildhübsche Frau, leicht dunkler Teint. Da habe ich mir gedacht: Wie war das jetzt?» Die anderen aber nach ihrer Version der Geschichte zu fragen, warum man gerade ihn weggegeben hatte, das sei ihm damals nicht in den Sinn gekommen. Es waren ja Fremde. Es gab kein offenes Gespräch, kein Vertrauen. «Und wir sind im Heim so erzogen worden, sich immer unterwürfig, brav und ohne Mucken zu verhalten. Ganz nach dem Motto: Mit dem Hut in der Hand kommt man durchs ganze Land», sagt Christen.

Lange blieb Christen Einzelgänger

Christen wusste gut aus der Schule, wie das Stigma Heimkind an ihm haftete. «Man hat uns einfach angesehen, wer wir sind. Wenn die anderen miteinander gespielt haben, hat man uns nicht dazugelassen. Und immer gab es die, die uns nicht nur hänselten, sondern auch körperlich angriffen. Und die Lehrerinnen und Lehrer haben nicht interveniert. Wir gehörten nie dazu.» Trotzdem fasste Christen ein bisschen Vertrauen zu Pia, der Schwester, die ihn trotz allem besucht hatte. Sie hielten locker Kontakt. Pia übernahm sogar einmal seine Beistandschaft, als Christen später als junger Unteroffizier vors Militärgericht musste, weil er seine Waffe bei einem Umzug in seiner alten Wohnung absichtlich «vergessen» hatte. Damals wohnte Christen schon in Basel, wo er heute noch lebt, auch seinen Strafarrest sass er dort ab, im Lohnhof. Wenige Jahre später bekam Christen einen Brief, von Pia. Jemand aus der Familie war dahintergekommen, dass sie mit Markus Kontakt pflegte. Die Eltern hätten für diesen Fall die Enterbung vorgesehen, erklärte sie. Pia wählte das Erbe. Es war ein Abschiedsbrief. «Der Abgang auf diese Art ist dann doch ein bisschen heftig eingefahren. Das hat weh getan», sagt Christen.

Nicht lang danach stand plötzlich die Polizei vor Christens Tür und teilte ihm mit, dass seine Eltern verstorben seien. Nun suche ihn die Familie, weil sie wegen der Erbschaft seine Unterschrift benötigten. «Das hat mir 3000 Stutz ins Kässeli gebracht. Meinen Erbanteil.» Das Thema Familie hatte Christen innerlich endgültig abgehakt: «Sicher war da viel mehr, und die haben mich über den Tisch gezogen.» Kein Wunder, bleibt Christen ein Einzelgänger, es fällt ihm schwer zu vertrauen. Sicher, da war mal dieser eine Lehrer, der sich in der Schule dafür eingesetzt hatte, dass er eine Berufslehre als Schriftsetzer machen konnte – nach der Vorstellung des Armenrates wäre nach sechs Jahren Primarschule sonst Schluss gewesen. Hätte dieser Lehrer aber bereits früher reagiert, hätte Christen die Jahre ab der Schliessung des Waisenhauses 1971 bis zur Volljährigkeit bei ihm wohnen und womöglich eine höhere Bildung geniessen können! Davon erfuhr Christen erst später, bei einem Klassentreffen, wo der reumütige Lehrer ihm dies selbst gestand.

Als Schriftsetzer fand er in Basel keinen Berufseinstieg. Stattdessen machte er den Führerschein und arbeitete als Chauffeur. Es fiel ihm schwer, einen guten Umgang mit Geld zu finden. «Immer wenn Ende Monat Zahltag war, hattest du viele Freunde, und wenn kein Geld mehr da war, dann verdünnisierten die sich schneller, als sie gekommen sind. Ich war immer mit Schulden unterwegs.» Erst waren es kleine Beträge, die kontinuierlich anwuchsen und die er nicht wieder losbrachte. «Einmal war ich übermütig. Ich dachte, ich müsste mein eigenes Transportunternehmen auf die Beine stellen. Das ging relativ gründlich und schnell in die Hose.» Doch dann lernte er 2002 beim Champions-League-Match FCB gegen Liverpool im Joggeli eine Frau kennen, die alles verändern sollte: Johanna Buri. «Von da an hat es aufgehört mit der Schuldenwirtschaft.»

Buri brachte Ordnung in Christens Leben – und die Liebe. Nach 48 Jahren ohne jede tiefere Beziehung, wie er selbst es beschreibt, lernte Christen erstmals, sich auf einen anderen Menschen einzulassen. «Das war für mich schon eine Umgewöhnung. Auch was die körperlichen Komponenten angeht. Aber das hat sich relativ schnell gelegt. Ich gehöre zwar nicht zu denen, die in der Öffentlichkeit schmusen und Händchen halten, und das ist auch nicht so ihrs. Aber im intimen Umfeld, ja. Learning by doing.» Ein Jahr später heiraten sie. Wie viel er durch seine Öffnung und die Beziehung noch gewonnen hat, ist ihm sehr bewusst. «Mit Johannas Freunden und Familie waren einfach plötzlich Menschen um mich, die es schätzen, wenn sie mich sehen, die freundlich sind und angenehm mit mir umgehen.»

Buri hat einen Sohn aus einer flüchtigen Begegnung von früher. Pascal ist heute 37 Jahre alt und lebt mit einer leichten Behinderung. Anfangs wohnte Pascal noch zuhause. «Da kam vielleicht ein altes Leiden von früher durch: Ich konnte zu ihm nicht in dem Sinne eine Bindung aufbauen, wo ich jetzt sagen würde, das hat etwas mit Familienbewusstsein zu tun», erinnert sich Markus Christen. Auch wenn natürlich klar sei, dass Pascal zum Leben seiner Mutter gehöre. Nur das Zusammenleben der beiden Männer funktionierte nicht gut. Schliesslich machte Pascal die Wohnschule und lebt heute in einem betreuten Wohnen, weitgehend selbstständig. «Ist vielleicht auch gesünder für Mutter und Sohn», sagt Christen und fügt an: «Eigene Kinder habe ich keine gewollt. Das ist vielleicht auch geprägt von meiner eigenen Erfahrung. Ich hatte immer das Gefühl, nicht zu wissen, ob ich in der Lage wäre, Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen.»

Buri arbeitet als Museumswärterin und ist finanziell unabhängig. Christens Chauffeurkarriere aber fand 2008 ein jähes Ende, als er auf einer Busfahrt in Sekundenschlaf fiel. Passiert ist damals niemandem was, doch er verlor die Lizenz. Es folgte eine mühsame Tour durch die Arbeitslosigkeit bis in die Sozialhilfe. Mühsam ist es nicht nur, weil er keine Arbeit findet, sondern auch, weil er sich selbst nichts mehr zutraut. Wieder sind es Frauen, die ihm eine Perspektive eröffnen. Seit einiger Zeit schon engagiert er sich in der SP. Dort lernte er Paola Gallo kennen, damals Geschäftsführerin des Vereins Surprise. Gallo und ihre Kollegin Sybille Roter entwickelten damals ein neues Projekt: die sozialen Stadtrundgänge. Armutsbetroffene sollten aus ihrer eigenen Perspektive und mit einer individuell zugeschnittenen Stadttour anderen Menschen von einem Leben in Armut berichten. Christen war ihr idealer Kandidat: politisch wach, mit einer sonoren Redestimme ausgestattet und ganz offensichtlich ohne Aussicht auf ein Leben ohne Schulden. Gemeinsam überredeten sie ihn, es mal als Stadtführer zu versuchen. «Ich habe mich natürlich zuerst mit Händen und Füssen gesträubt.» Doch Sybille Roter blieb hartnäckig.

Die eigenen Erfahrungen reflektieren lernen

Heute sind Christen und Roter befreundet. «Sybille hat an mich geglaubt und mich entsprechend gecoacht. Und so habe ich 2013 mit den Führungen angefangen.» Gemeinsam mit ihr entwickelte Christen über die sogenannte Biografiearbeit eine erzählbare Variante seiner Lebensgeschichte, eine, die auch allen noch so heimtückischen Fragen standhalten würde. «Diese Arbeit hat mich erst befähigt, das alles hier zu reflektieren. Sonst hätte ich es wahrscheinlich verdrängt.»

2013 entschuldigte sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga öffentlich im Namen der Schweizer Regierung bei den Opfern der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen und forderte die Kantone auf, dieses Unrechtskapitel der Schweizer Sozialgeschichte in ihrem Zuständigkeitsbereich aufzuarbeiten. 2014 nahm auch das Parlament einen entsprechenden Beschluss an. Die Historikerinnen Sonja Matter und Tanja Rietmann haben eine solche Aufarbeitung für den Kanton Nidwalden übernommen, Markus Christen war einer ihrer Zeitzeugen. Das daraus entstandene Buch heisst «Gegen das Vergessen» und erschien 2024 im Auftrag des Historischen Vereins Nidwalden.

Mut, sich aktiv einzubringen

Inzwischen ist Markus Christen pensioniert und macht keine Stadttouren für Surprise mehr. Dafür ist er gern mit seiner Kamera unterwegs und fotografiert. Was er in seiner frühen Zeit in Basel bereits für Radio Raurach und lokale Zeitungen gemacht hat, führt er so privat fort. Zwei Mal hat er in seiner aktiven Zeit bei der SP für den Grossen Rat kandidiert, und auch wenn er die Wahlen nicht gewonnen hat, so haben die Kandidaturen etwas bewegt. Jedes Mal wurde er ein bisschen weniger der Fremdplatzierte mit dem niedrigen Selbstbewusstsein und bekam ein bisschen mehr Mut, sich laut und aktiv einzubringen.

Die vom Bund vergebenen 25 000 Franken Entschädigung für die Opfer der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen seien nur «ein Zückerli», die Praxis, dass einzelne Kantone nun auch noch eigene Summen aufstockten, findet Christen eher ungerecht und eine neue Art Willkürfaktor in der Aufarbeitung. Aber darüber ärgert sich Christen nicht mehr allzu sehr, für ihn ist Geld sowieso kein Ziel. Gemeinsam mit seiner Frau singt er im Surprise-Chor und engagiert sich zudem in der ATD Vierte Welt.

Als das Buch «Gegen das Vergessen» letztes Jahr erschien, sass Markus Christen bei der Vernissage in Nidwalden auf dem Podium. Jemand aus dem Publikum fragte, was die Aufarbeitung für ihn bedeute. Christen antwortete: «Ich bin sehr überrascht, dass dieser konservative Kanton das Geld in die Hand genommen und diese äusserst unangenehme Geschichte aufgeschafft hat. Das hat mich positiv überrascht.» Christen lächelt, als er sich an die Szene erinnert. Denn er fügte noch einen Satz hinzu: «Es hat mich so weit mit dem Kanton versöhnt, dass ich schon fast wieder bereit wäre, die Fahne aufzuhängen. Das hab ich denen auch gesagt.» Kurz vor Weihnachten 2024 dann hatte Christen tatsächlich ein Päckchen in der Post. «Eine Hochqualitätsfahne. Nicht gedruckt, sondern genäht!» Das Päckchen beinhaltete zudem ein Dankeschön für den Auftritt, Absender Staatskanzlei Nidwalden. «Nun muss ich nur noch eine Vorrichtung finden, wo ich das Ding aufhängen kann», sagt Christen.

Mehr dazu: Sonja Matter, Tanja Rietmann: Gegen das Vergessen – Fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen in Nidwalden. Historischer Verein Nidwalden, Stans, 2024.

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