Das demografische Trilemma
Diese Zahl hat grosse mediale Aufmerksamkeit erhalten: 2024 betrug die durchschnittliche Geburtenrate in der Schweiz laut Bundesamt für Statistik noch 1,29 Kinder pro Frau. Dies ist der tiefste Wert, der für die Schweiz je gemessen wurde. Er bestätigt aber den Trend, der sich seit geraumer Zeit beobachten lässt. Frauen bekommen immer weniger Kinder, die Kernfamilie wird kleiner und kleiner. «Mama, Papa, ein Kind, ein Hund» wird in der Schweiz zur Standardfamilie.
Sogleich ging einmal mehr die Debatte los, was zu tun wäre, damit Frauen wieder mehr Kinder bekommen. Der Blick ins Ausland machte dann rasch klar, dass bis heute keine Massnahmen gefunden wurden, welche die gewünschte Wirkung in nachhaltiger Weise zeigen würden. In sehr vielen Ländern findet sich vielmehr das gleiche Bild: Die Geburtenrate sinkt.
Diese Entwicklung führt auch die Schweiz in ein demografisches Trilemma. Die Mehrheit der Bevölkerung möchte zwar erstens, dass sich der Wohlstand im Land weiter vermehrt. Man bekommt aber zweitens immer später Nachwuchs und lebt gerne in Ein- oder Zwei-Kinder-Familien. Vielen ist es drittens auch wichtig, dass die schweizerische Kultur – was immer das sein mag – nicht durch eine zu hohe Zuwanderung infrage gestellt wird. Das demografische Trilemma besagt nun gemäss dem Demografen Paul Morland und dem Ökonomen Philip Pilkington, dass in einem Land – leider – nicht alle drei Ziele gleichermassen erreicht werden können.
Wer eine tiefe Geburtenrate begrüsst und dazu auch die Migration begrenzen möchte, riskiert Wohlstandsverluste. Unter diesen Prämissen wird die Wirtschaft nicht mehr genügend Arbeitskräfte finden. Wer aber weiterhin nach grösserem Wohlstand strebt und trotzdem die Einwanderung einschränken möchte, kommt nicht darum herum, dafür zu sorgen, dass wieder mehr Kinder auf die Welt kommen. Beide Szenarien sind weder politisch machbar noch gesellschaftlich erwünscht.
So bleibt nur die Option, bei tiefer und weiter sinkender Geburtenrate und gleichzeitigem Streben nach mehr Wohlstand auf eine entsprechend grosse Arbeitsmigration zu setzen. Diesen Weg geht die Schweiz seit vielen Jahren, trotz wachsendem politischem Widerstand.
Aber auch dieses Szenario ist nicht ohne Weiteres zukunftstauglich. Zum einen wird es schwieriger werden, genügend Migrant*innen zu finden, die in der Schweiz leben und arbeiten möchten. Umliegende Länder wie Italien, Frankreich oder Deutschland ergreifen bereits Massnahmen gegen eine Abwanderung von qualifizierten Arbeitskräften oder fördern die Rückkehr von Auswander*innen. Zum anderen verlangt eine verstärkte Migration flankierende Massnahmen, also den Ausbau der Infrastruktur in den verschiedensten Bereichen: Wohnen, Bildung, Gesundheit, Mobilität. Das wird kosten.
Doch aus diesem demografischen Trilemma gibt es kein Entrinnen, nicht mal für die Schweiz.
