«Diese Offenheit finde ich unglaublich stark»
Für ihr neues Album arbeitete die Zürcher Rap-Pionierin Big Zis mit 23 FINTA- Künstler*innen zusammen. Auch ihre Konzerte sollen in politisch angespannten Zeiten Orte des Zusammenfindens sein.

Big Zis, in einem Interview mit dem Tagesanzeiger im Jahr 2020 hast du gesagt: «Heute arbeite ich für mich allein. Oder mit meiner Band. […] zu jungen Zürcher Rapperinnen habe ich nicht wirklich Kontakt.» Jetzt hast du mit «Big Hug» ein Album voller Features von anderen FINTA-Künstler*innen produziert. Was hat sich verändert?
Big Zis: Ich glaube, ich habe gemerkt, dass ich wirklich alt werde (lacht). Ich werde dieses Jahr 50. Ich befinde mich in einer anderen Lebensphase und wollte entsprechend etwas anderes ausprobieren und wagen. Mit diesem Album erreiche ich natürlich auch ein neues, jüngeres Publikum. Und am Schluss macht es auch einfach Spass, mit so vielen unterschiedlichen Künstler*innen zu arbeiten und aufzutreten. Nicht nur das Publikum hat etwas davon – ich auch.
Ich habe hier die Pressemitteilung vor mir, da ist vieles bereits schön vorformuliert. Aber in deinen eigenen Worten: Worum geht es in «Big Hug»?
Dafür sind diese Pressemitteilungen ja da – die können das besser als ich (lacht).
Hier steht: «BIG HUG ist ein generationenübergreifender musikalischer Ritt – getragen von Zusammenarbeit, Sichtbarkeit und gegenseitiger Verstärkung.»
Das finde ich gut. Das trifft es besser, als ich es formulieren könnte.
Auf dem Album sind Features von 23 FINTA-Künstler*innen. Wie kam es zu dieser Auswahl?
Das sind Musiker*innen, die mich schon länger interessieren – Menschen, die ich kenne und mit denen ich unbedingt zusammenarbeiten oder wieder zusammenarbeiten wollte. Relativ schnell wurde auch klar, dass ich diesen generationenübergreifenden Aspekt haben möchte. Von Anfang an waren viele junge Künstler*innen dabei, deshalb habe ich mich entschieden, auch gleichaltrige Wegbegleiter*innen anzufragen.
War es eine bewusste Entscheidung, nur FINTA-Künstler*innen auf das Album zu holen?
Ja, für einmal wollte ich nur FINTA-Personen auf dem Album haben. Hinter der Musik stehen im Hintergrund allerdings drei Produzenten, die Cis-Männer sind also irgendwie doch auch dabei (lacht).
Auf dem Album sind Künstler*innen unterschiedlichen Alters, aus verschiedenen Städten und vermutlich auch mit unterschiedlichen politischen Perspektiven. Gab es da auch Reibungen?
Nein, tatsächlich nicht.
Haben die Jüngeren denn Erfahrungen oder Einsichten eingebracht, die für dich neu waren?
Ja, auf jeden Fall – besonders bei der Arbeitsweise habe ich einiges gelernt. Mir fällt eine junge Rapperin ein, die noch nicht oft im Studio war. Es war faszinierend zu sehen, wie offen und liebenswürdig sie geblieben ist. Meine Generation hat sich immer obercool gegeben. Wir haben innerlich vielleicht kalt geschwitzt, aber versucht, uns nichts anmerken zu lassen. Sie hingegen sagte Dinge wie: «Hey, ich bin mir bei diesem Teil nicht sicher, wie weiter? Gebt mir Feedback.» Diese Offenheit fand ich unglaublich stark. Diese entspannte Art, mit der eigenen Unsicherheit umzugehen, ist wirklich schön. Vielleicht liegt das an der Person – vielleicht aber auch daran, dass diese Generation insgesamt besser mit Unsicherheiten umgehen kann.
Hat das damit zu tun, dass FINTA-Personen in der Musik und vor allem im Rap früher stärker überkompensieren mussten, um ernst genommen zu werden?
Ja, absolut. Ich musste mich oft aufspielen und hatte gleichzeitig Minderwertigkeitskomplexe – dieses Gefühl, dass alles nicht gut genug ist, und diese ständigen Vergleiche. Aber ich glaube nicht, dass das nur damit zusammenhängt, eine Frau unter Männern zu sein. Wir wurden auch ganz anders erzogen.
In der Rap-Welt hat sich einiges verändert. Heute fällt zum Beispiel der Erfolg von «Fotzenrapperinnen» – so die Selbstbezeichnung – wie Ikkimel auf. Hypersexualisiert und stark am Male Gaze orientiert, an der Perspektive des heterosexuellen Mannes. Gleichzeitig wirkt das selbstbewusst und abgrenzend. Siehst du diese Entwicklung als Fort- oder als Rückschritt für die Stellung von Frauen in der Musikbranche?
Zuerst vorneweg: In diese Kategorie würde ich mich und auch meine Features nicht einordnen, auch wenn wir in den Liedern hier und da Wörter wie «Bitch» benutzen. Und in Bezug auf diese Kategorie von Rapperinnen: Mir geht es nie darum, jemandem den Mund zu verbieten. Aber ich sehe das Dilemma. Ich persönlich ziehe keine Selbstermächtigung aus Sexualisierung. Aber wenn es sich für jemanden genauso anfühlt, dann soll diese Person das machen. Die Texte kenne ich nicht, aber ästhetisch geht es vermutlich tatsächlich stark in Richtung Male Gaze – gerade im Gegensatz zu Künstlerinnen wie Peaches. Sie arbeitet auch mit Sexualität und grober Sprache, tritt aber etwa mit unrasierten Beinen und Achseln auf und unterläuft damit genau diesen Blick. Ich sehe hier schon deutlich mehr politisches Potenzial. Gleichzeitig haben Künstler*innen wie Ikkimel viele weibliche Fans, deshalb denke ich schon, dass es auch als ermächtigend erlebt werden kann, sich selbst so zu präsentieren. Finde ich das fortschrittlich und befreiend, oder ist es Teil eines Backlash? Wahrscheinlich beides.
Wen möchtest du mit «Big Hug» erreichen? Ist es ein Album von FINTAs für FINTAs?
Es ist ein Album für alle (lacht). Das ist so eine Frage, die man in Fördergesuchen beantworten muss. Ehrlich gesagt weiss ich das gar nicht so genau. Wenn ich schreibe, habe ich zwar irgendwie ein Publikum vor meinem geistigen Auge – aber ich schreibe nicht zwingend nur für dieses Publikum, sondern eigentlich für mich.
Wie sieht dieses imaginierte Publikum aus?
Sehr gemischt – und alle haben eine gute Zeit. Aber es ist weniger ein konkretes Bild als eher ein Gefühl.
Auf dem Album «Big Hug» gibt es den Track «UFÀ» featuring Radon. Er ist mit fast sieben Minuten deutlich länger als die anderen Songs und auch stilistisch ziemlich weit weg von deinem üblichen Sound. Wie kam es dazu?
Ich kenne diese Musikerinnen schon lange und stand auch schon mit ihnen auf der Bühne. Ich finde sie toll – und ich liebe Doom Metal und Rumschreien.
Für «Du weisch» spannst du mit Les Reines Prochaines zusammen. Sie sind im Vergleich zu vielen anderen Künstler*innen auf dem Album deutlich älter. Wie war diese Zusammenarbeit?
Das war die unkomplizierteste Arbeit auf dem ganzen Album. Ich kenne und bewundere die Gruppe schon lange – sie sind Legenden. Mit ihnen auf der Bühne zu stehen macht grossen Spass.
Im Song «Liftmusik» mit Ester Poly fallen Strophen wie «Pop hät oi verratä – Mit welem Verspräche?» Ist das eine Kritik an unpolitischer Musik?
Ja, eine Kritik an Popmusik, an der glänzenden Oberfläche des Business. Es gibt natürlich auch viele politische Popmusiker*innen. Aber Kapitalismus und die Idee der Gewinnmaximierung sind ein Biest – sie fressen alles auf. Ich nehme mich da gar nicht aus. Ich mache irgendwie auch Popmusik und lebe davon – nicht besonders gut, aber doch. Sobald man eine Strassenkultur und Widerstand besingt, besteht die Gefahr, dass sie im System der Vermarktung entpolitisiert wird. Da bin ich sicher auch Teil der Maschine. Bei grösseren, kommerziell sehr erfolgreichen Acts sehe ich das noch stärker: Sie präsentieren sich mit einer Revoluzzerästhetik. Ich glaube ihnen durchaus, dass sie das ernst meinen – aber sie laufen Gefahr, von dieser Maschine verschluckt zu werden.
Auf deinem Album geht es um den politischen Backlash und autoritäre Tendenzen. Was kann Musik bewirken?
Im besten Fall kann meine Musik ein kurzes Aufatmen ermöglichen. Wir leben in einer sehr anstrengenden Zeit, auch innerhalb der Linken gibt es grosse Spannungen. Das kann belastend sein – für Freundschaften und für das Gefühl von Fortschritt. Ich hoffe, dass meine Konzerte vielleicht einen Safe Space bieten können: einen Ort, an dem Menschen zusammenkommen und feiern.
Und danach auf die Demo?
Ja, hoffentlich.
Auf deinem Album greifst du dezidiert linke Themen auf – solche, die innerhalb der Linken wenig kontrovers scheinen: Die meisten würden wohl zustimmen, dass Patriarchat und Kapitalismus scheisse sind. Hast du dich bewusst dafür entschieden, keine innerlinks kontroverseren Themen aufzugreifen?
Ja. Ich habe keine Lust, mich irgendwelchem Onlinegeschrei auszusetzen. Ich finde es gerade wichtig, sich auf Dinge zu konzentrieren, bei denen man sich einig sein kann – um diese verbindenden Momente zu erleben. Das heisst nicht, dass wir nicht über kontroverse Themen sprechen sollten. Aber ich glaube nicht, dass meine Musik der richtige Rahmen für solche Diskussionen ist. Ich möchte eher Momente schaffen, in denen Menschen aufatmen können.
In einem Song heisst es «Pyros gegen Büros», in einem anderen geht es darum, seine Hater – die es sich zum Ziel machen, andere kleinzumachen – zu umarmen. Was ist denn nun die Strategie?
Das Leben ist ja nie nur das eine oder das andere. Es gibt verschiedene Stimmungen und Phasen. Manchmal muss man wütend sein, manchmal jemanden in den Arm nehmen. Und die Stimmung von Rapper*innen Anfang zwanzig ist vielleicht auch eine andere als meine.
Inwiefern?
Das müssten sie selbst beantworten. Aber ich weiss: Mit Anfang zwanzig hat man noch das Gefühl, unsterblich zu sein.
Das hast du nicht mehr?
Nein, das ist vorbei (lacht). Ich glaube, so bis etwa 28 habe ich in einem anderen Gefühl gelebt, in einem Bewusstsein der Unantastbarkeit, alles ist möglich, alles geht.