Ein Schaf an Bajram
Im grauen Boden fand Rozë kleine, hohle Bläschen. Dunkle Verfärbungen zogen sich über die Fläche bis zum Stahl-Holzofen mit dem heulenden Rauchrohr. Rozë schaute dahinter, die Lehmwand war in der unteren Hälfte tapeziert. Ihren Grossvater hatte man an dieser Tapete angelehnt gefunden. Eine Hand auf seinem Kopf, die andere hatte er auf ein Kissen abgestützt. Die Augen geschlossen, als würde er tief schlafen. Rozë streifte die raue Oberfläche mit ihrer Fusssohle, schnitt sich dabei nicht. Der pinke Plastikschemel klebte an ihrem nackten Hintern. Sie fühlte kleine Schweissperlen herunterfliessen.
«Der Hoxha hat mir den Schlaf geraubt mit seiner elenden Stimme.» Rozës Mutter Nexhmije schloss die Türe mit dem Schlüssel ab und nahm den kochenden Topf vom Ofen. Der Dampf des Wassers stieg bis an die Zimmerdecke und beschlug die holzumrandeten Fenster.
Tante Hatixhe zog ihre goldenen Armreifen ab und legte sie aufeinander auf den kleinen Holztisch in der Ecke. «Vielleicht bist du es dir einfach nicht mehr gewohnt, den Hoxha rufen zu hören.»
Die beiden Frauen setzten sich gegenüber von Rozë auf zwei verschiedene Hocker. Der Körper ihrer Tante war weiss, fast blass. Nur ihre Unterarme waren gebräunt. Unter ihren Fingernägeln haftete Tabakharz. Heute Morgen hatte sie zusammen mit ihren Kindern Tabakblätter aufgespiesst und die Girlanden dann im Hof aufgehängt. Auf ihren Handflächen schimmerten kleine rosa Schnitte und durchsichtige Blasen, die noch nicht geplatzt waren. Tante Hatixhe hatte ihr mal erzählt, dass sie bis zu zweihundert Tabakketten schaffte, ohne dass sie die Nacht einholte.
Sie begannen, sich ihre Füsse zu schrubben. Rozë löste ihre verschränkten Arme, legte ihr langes Haar hinter den Rücken und versuchte, es ihnen gleichzumachen. An den Fusssohlen ihrer Tante entdeckte sie tiefe Risse, die sich durch die dicke, gelb verfärbte Hornhaut zogen.
«Diese Hornhaut schützt mich vor dem harten Boden, auf dem ich jeden Tag laufen muss», sagte Tante Hatixhe, ohne aufzuschauen.
Rozë sah sofort wieder weg und schrubbte ihre Füsse noch fester. Nach dem Schulunterricht war sie immer die Letzte, die sich wusch, um die Blicke der anderen Schülerinnen zu vermeiden. Ihr Körper hatte bereits Rundungen, die sie bei ihren Freundinnen nicht finden konnte. Rozë ähnelte eher ihrer Tante als den anderen elfjährigen Mädchen in der Schweiz.
«Schau», sagte Tante Hatixhe und schrubbte ihren Bauch, «diesen Körperteil liebe ich sehr, denn in ihm haben alle deine Cousins und deine Cousine gelebt, bevor sie auf die Welt gekommen sind. Siehst du das?»
Dann zeigte ihre Tante auf eine wulstige Narbe knapp über der Schamhaargrenze. «Mein Bauch wurde hier dreimal geöffnet. Wie ein Schaf vor Bajram.»
Rozë zuckte zusammen und liess den Schwamm fallen. Weisser Schaum floss aus den kleinen Poren, als ihre Mutter versehentlich drauftrat. Nexhmije warf noch zwei, drei Holzspäne in den Ofen und setzte sich wieder auf ihren Sockel.
«Und diese», erzählte Hatixhe weiter und zeigte auf ihre hängenden Brüste, «diese sind nun leer. Aber in einer anderen Zeit habe ich damit die ersten beiden Kinder ernährt. Für die letzten zwei hat es nicht gereicht.»
Rozë schaute hilfesuchend zu ihrer Mutter und vermisste in diesem Augenblick das Badezimmer mit der rostigen Dusche in der Schweiz. Ein Raum, den sie alleine für sich haben konnte.
«Qysh e ka shkru Zoti. Wie es Gott geschrieben hat», sagte Rozës Mutter mit weicher Stimme und nickte Tante Hatixhe zu.
Auf dem Körper ihrer Mutter zeichneten sich die Linien ihrer Badehose ab. Diesen Sommer sind sie zum ersten Mal ans Meer gefahren. Ihre Nägel waren sauber und bis zum Nagelbett heruntergeschnitten. Makellos, würde jemand sagen, der die Hände von Nexhmije nie berührt hatte. Rozë spürte, wie rau sie waren, wenn ihre Mutter nach der Arbeit nach Hause kam und ihre Hand an Rozës Wange legte.
Sie widmete sich wieder ihrem eigenen Körper und schrubbte hastig ihre Arme. Die Haut löste sich und blieb in den Poren des Schwamms hängen. Die Bräune verliess ihren Körper so schnell, wie sie gekommen war.
Ihre Mutter kam mit einem gefüllten Eimer zu ihr.
«Nimm tief Luft.»
Dann liess sie das Wasser über Rozës Kopf fallen. Es floss in einem Schwall über Stirn, Augen, Ohren und Nacken. Rozë sah nichts mehr.
Die Mutter schob den Vorhang aus Haaren schnell wieder auf. Eine Hand legte sie auf Rozës Kopf und drehte ihn so zur Seite, dass ihr linkes Ohr wieder frei war.
«Bismillah, Gott, bitte vergib mir», hörte Rozë ihre Tante sagen.
«Bismillah, Gott, bitte vergib mir», flüsterte Rozë ihr nach und wünschte sich still, dass sie nie, wie ein Schaf an Bajram, aufgeschnitten werden würde.
Rozë: stimmhaftes s, «e» fast verschluckt wie in «Bitte».
Hoxha: «Hodscha», stimmhaftes «dsch».
Nexhmije:«Nedsch-mi-je». Hatixhe: «Ha-ti-dsche» (mit klarem «e»).
Qysh e ka shkru Zoti: «Tschüsch e ka schkru Soti», «q» ist ein weicher «tsch»-Laut, ähnlich wie in «Mädchen».
