Verkäufer*innenkolumne

Freier Zugang für Behinderte

Nr. 627,

Ich spüre mehr den Fluch der IV-Rente, als dass ich Autist bin. Denn sehr viele Leute reagieren unangemessen darauf, dass ich eine IV-Rente habe, und halten mich für einen, der gar nichts kann. Ich wurde auch schon als Messie bezeichnet, was etwas komplett anderes ist. Leider gibt es auch unter meinen Verwandten solche, die einen Hass auf mich haben, weil ich eine IV-Rente bekomme. Und sogar bei der Klimabewegung, wo ich mich engagiere.

Manche wollen mich bevormunden oder denken, dass ich nicht lesen könne. Was für mich sehr seltsam ist, weil ich mich politisch engagiere, Debatten verfolge und viel schreibe, seien es Leserbriefe oder die Kolumnen im Surprise.

Wieder andere glauben, ich hätte mir die Rente erschlichen. Das habe ich der SVP zu verdanken, die den Begriff «Sozialschmarotzer» erfunden hat, den die Leute jetzt mir persönlich anhängen. Die Hetzkampagne mit den «Scheininvaliden» hat gewirkt. Der Hass auf solche, die vom Staat unterstützt werden, ist da.

Jede*r Arbeitgeber*in will einen Berufsausweis sehen, bevor sie oder er Interesse daran hat, jemanden anzustellen. Ich habe keinen, und um so einen zu erwerben, müsste ich die Unterstützung der IV-Behörde haben. Niemand bezieht freiwillig eine IV-Rente. Man hat diese Rente, weil andere über dich bestimmen. Weil es hiess: «Der muss zur IV!»

Ein Parteikollege von mir und Sozialbeamter (er weiss, wovon er spricht) kann bezeugen, wie viele Menschen sich davor scheuen, aufs Sozialamt zu gehen. Diejenigen dagegen, die versucht haben, das Sozialamt zu betrügen, kann er an einer Hand abzählen. Er erlebt, dass Sozialhilfeempfänger*innen stolz sind, wenn ihnen aufgrund geleisteter Arbeit die Gelder gekürzt werden.

Mein Wunsch wäre nicht die IV-Rente, sondern ein freier Zugang für alle zum Arbeitsmarkt.

MICHAEL PHILIPP HOFER, 45, verkauft Surprise beim Neumarkt Oerlikon. Die Autismus-Diagnose erhielt er, als er eineinhalb Jahre alt war.

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