Moumoumi antwortet

Was ist Heimat?

Text
FATIMA MOUMOUNI
ILLUSTRATION
CHRISTINA BAERISWYL
Nr. 631,

Mein Vater hat ein ziemlich ungezwungenes Verhältnis zum Begriff Heimat. Als ich noch zuhause wohnte, benutzte er ihn fast jeden Tag. Meine Eltern hatten einen kleinen Laden mit Kosmetikprodukten für Schwarze Menschen. Jeden Abend nach Geschäftsschluss putzte mein Vater den Laden. Und dafür benutzte er den «Heimat». Gemeint war ein silberner ­ Metalleimer, den er mit Wasser und Putzmittel füllte, Lumpen rein, auswringen und dann wischen (so sagt man in meiner Heimat Deutschland – in meiner Heimat Schweiz nennt man das «den Boden ­ aufnehmen»), Lumpen auswaschen, weiter wischen, bis der Boden glänzt. Dann den Lumpen aufhängen und den Heimat in die «Heimatecke» räumen.

Mein Vater und ich sprechen Deutsch miteinander. Er benutzt jedoch einige Begriffe, die er mal falsch gehört oder verwechselt und in seinem gedanklichen Spracharchiv nie nachträglich korrigiert hat. Meine Mutter und ich übernahmen die Wörter in den familieneigenen Slang. Und so blieb der Eimer «der Heimat». Meine Eltern und ich haben schon viel darüber gelacht. Man kann offensichtlich verschiedene Heimatbegriffe haben.

Sprache ist da, um sie zu formen, zu verbiegen, zu prägen, zu benutzen, zu verunstalten, zu verschönern. Und so kann man natürlich auch das Wort Heimat ­ umdeuten, am besten mit einem Putzlumpen, um den rechtsbraunen Belag, den der Begriff häufig hat, wegzuwaschen.

Wie meine Familie und ich, wo Heimat etwas sehr Praktisch-Alltägliches ist. Oder wie bei Ibou Diop und Max Czollek, die als Kuratoren des heimaten-Festivals in ihrem Konzept postulieren, dass­ heimaten ein Plural und auch ein Verb sein kann. Und zeigen, wie sehr man den Heimatbegriff zurück vereinnahmen kann: «heimaten heisst Aktivismus, Antifaschismus, Dekolonisierung, Zugehörigkeit. heimaten heisst die Verteidigung von Räumen, es heisst, sich ein neues ­ Zuhause zu schaffen und darauf zu bestehen, dass dieses Zuhause immer schon von vielen gestaltet worden ist.» ­

Ich möchte schon lange eine Studie zum Thema «Widerstände im Spracherwerb des Deutschen» machen. Ich kenne viele Migrant*innen, die nie «richtig» Deutsch lernen wollten. Oder solche, die besser Deutsch können, als sie im Alltag zugeben. Menschen, die bis zu fünf Sprachen fliessend sprechen, sich aber mit dem Deutschen nie richtig anfreunden konnten. Sie berichten von Gesprächspartner*innen, die so tun, als würden sie Gesagtes nicht verstehen, wenn nicht der richtige Artikel oder die richtige Zeitform benutzt wurde. Oder davon, wie es ist, angeschnauzt zu werden und Dienstleistungen verweigert zu bekommen: Lern erstmal richtig Deutsch! Wer hat da noch Lust, die Sprache «richtig» zu lernen? Klar, die deutsche Sprache wird häufig als sehr anspruchsvoll zum Lernen bezeichnet, aber das meine ich nicht: Sich der deutschen Sprache zu verwehren, wirkt bei einigen Menschen fast wie eine Form von Widerstand gegen die Integrationsdebatten, die im deutschsprachigen Raum seit Jahrzehnten geführt werden. Gegen das Gerede über den Zerfall der (statt den Beitrag zur) deutschen Sprache. Gegen die Abwertung von anderen Sprachen und Mehrfachidentitäten. Gegen das Nachgeäffe von Deutsch mit Soziolekten oder Akzent. Gegen die Versessenheit, ein (vermeintlich) «reines» Deutsch, eine «reine» Mundart zur Bedingung von Zugehörigkeit zu machen. Wie willst du hier zuhause sein, wenn du den Regeln der Landessprache nicht gehorchst?

Einfach so.

FATIMA MOUMOUNIkann verschiedene Deutsche.

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