Was Kinder tragen
Manche Kinder lernen früh, selbstständig zu sein. Weil die Eltern häufig überfordert sind. Drei junge Menschen erzählen, was sie schon als Kind getragen haben – und was bis heute davon bleibt.
Wenn Sophie* als Kind nach der Schule nach Hause kam, bereitete sie sich schon im Treppenhaus vor. Sie wusste nie, was sie hinter der Wohnungstür erwartete. Ihre Mutter hatte eine Autoimmunerkrankung und ein schweres Alkoholproblem. Lag sie apathisch im Zimmer? Hatte sie getrunken? War sie ansprechbar? Wütend? Musste noch gekocht werden? Brauchte der kleine Bruder etwas?
Heute ist Sophie zwanzig. Wenn sie auf ihre Kindheit zurückblickt, erinnert sie sich gerne an ihr Zimmer, den einzigen Rückzugsort in der Wohnung – auch wenn die Tür offenbleiben musste, damit die Mutter sehen konnte, was sie tat. In der Küche und im Wohnzimmer, wo meist ihre Mutter und deren Freund sassen, hielt sie sich möglichst selten auf. Bis heute hat sie die Gerüche jener Jahre im Kopf: das Parfüm der Mutter, der Zigarettenrauch, die feuchte Luft im Keller, in den sie musste, wenn sie etwas falsch gemacht hatte. Oft dauerte die Strafe nicht lange. Manchmal wurde sie nach wenigen Minuten wieder gerufen, als wäre nichts gewesen.
Wie sehr sich ihr Alltag von dem anderer Kinder unterschied, merkte Sophie schon in der Unterstufe, wenn andere in der Pause ihre Znünis auspackten und sie selbst nichts dabeihatte – weil das Geld fehlte oder niemand daran gedacht hatte. Häufig versuchte Sophie schon am Morgen einzuschätzen, wie der Tag verlaufen würde. Wenn ihre Mutter nicht konnte, übernahm sie: kochen, einkaufen, dem Halbbruder die Windeln wechseln, ihn füttern. Auch zwischen ihren getrennten Eltern vermittelte Sophie, entschärfte Konflikte und verschwieg manches gegenüber dem Sozialdienst – aus Angst vor den Folgen für ihre Eltern und für sich selbst. «Ich hatte nie das Gefühl, Kind sein zu dürfen.»
Mit vierzehn wechselte Sophie ins Internat, später in eine Wohngruppe. Zwei Lehren hat sie abgebrochen, wegen ihres psychischen Zustands ist sie bei der IV angemeldet. Im Gespräch wirkt sie ruhig und reflektiert, vieles betrachtet sie mit einer Distanz, die ihr als Kind nicht möglich war. «Ich bin heute ein grosses Stück weiter», sagt sie. Halt finde sie vor allem bei ihrem Freund.
Gesamtverantwortung sollte bei Eltern bleiben
Dass Kinder Verantwortung übernehmen, sei grundsätzlich nicht problematisch, sagt Andrea Schwald, Fachpsychologin für Kinder- und Jugendpsychologie. Im Haushalt mitzuhelfen oder auf ein jüngeres Geschwister zu achten, könne Selbstwirksamkeit und soziale Kompetenzen fördern. Entscheidend sei, wie viel Verantwortung ein Kind übernehme, wie lange und wofür – und ob Erwachsene weiterhin die Gesamtverantwortung tragen würden.
Problematisch werde es, so Schwald, wenn eigene Bedürfnisse, Freundschaften oder Erholung dauerhaft zu kurz kämen oder ein Kind das Gefühl entwickle: Ohne mich funktioniert es nicht. Besonders belastend könne emotionale Verantwortung sein, etwa wenn Kinder ständig beobachteten, wie es einem Elternteil gehe, Konflikte zu verhindern versuchten oder die Stimmung in der Familie stabilisierten. «Ein Kind darf Verantwortung übernehmen, aber es sollte nicht die Verantwortung dafür tragen, dass es anderen gut geht oder dass die Familie funktioniert», sagt Schwald.
Bei der neunzehnjährigen Laura klingt vieles zunächst anders als bei Sophie. Zwar übernahm auch sie früh Aufgaben in der Familie – doch erlebte sie diese nicht als Belastung. Ihre Mutter hatte ebenfalls mit Geldsorgen zu kämpfen, nicht alles, was für andere Kinder selbstverständlich war, lag drin. Doch Essen, Kleidung und das Nötigste sei immer da gewesen, sagt Laura – und die Sorgen der Mutter wurden nicht zu ihren eigenen. Sie erinnert sich an eine aufgeräumte Wohnung, gemeinsame Abendessen, eine Mutter, die wissen wollte, wie ihr Tag gewesen war. Laura half im Haushalt, erledigte Einkäufe und passte auf ihre jüngere Schwester auf. «Es war fair», sagt sie, «ich hatte immer genug Zeit für mich.»
Die eigentliche Last trug Laura an einem anderen Ort. Ihr leiblicher Vater lebte getrennt von der Familie; sie besuchte ihn regelmässig und versuchte lange, genau die Tochter zu sein, die er sich wünschte. Sie färbte ihre Haare dunkler, weil er das lieber hatte, sie versprach ihm, sich nie tätowieren oder piercen zu lassen und widersprach kaum. Vielleicht würde sie so irgendwann seinen Vorstellungen entsprechen, dachte sie. Doch ihr Vater machte sie klein, nannte sie wertlos, sagte zu ihr, er wünschte, sie wäre nicht seine Tochter. Trotzdem gab Laura die Hoffnung lange nicht auf. «Ich wollte, dass mein Vater mich gerne hat.» Heute hat sie kaum noch Kontakt zu ihm.
Was Sophie und Laura zuhause erlebten, unterscheidet sich stark. Doch beide trugen ihre Erfahrungen mit in die Schule. Für Sophie wurde das Klassenzimmer trotz Mobbingerfahrungen zu einem Zufluchtsort. Der Alltag war dort berechenbarer als zuhause. «In der Schule habe ich mich sicher gefühlt», sagt sie. Laura hingegen begann in der Schule, um Anerkennung zu kämpfen. Sie wurde zum Klassenclown, kümmerte sich um andere, schlichtete Streit, gab sich stark, auch wenn es ihr längst zu viel war. Schwäche zu zeigen, bedeutete für sie, angreifbar zu sein. Erst viel später erkannte Laura das Muster dahinter. «Ich dachte immer, wenn ich genug für andere mache, mögen sie mich vielleicht.»
Als Sechsjähriger in die Wohngruppe
Auch Robin musste früh Verantwortung übernehmen – doch anders als Sophie und Laura erhielt er schon als Kind Unterstützung von aussen. Robin ist sechzehn und lebt seit seinem sechsten Lebensjahr teilweise in einer sozialpädagogisch begleiteten Wohngruppe, die Kinder und Jugendliche ergänzend zur Familie betreut. Heute ist er dort jeweils während der Woche; das Wochenende verbringt er bei seiner Mutter.
Als er zum ersten Mal in die Wohngruppe kam, hätte er allen Grund gehabt, sich fremd zu fühlen. Doch er erinnert sich anders: an das erste gemeinsame Abendessen, an Gespräche und Lachen, an die anderen Kinder und sein eigenes Zimmer. «Ich habe mich sofort zuhause gefühlt», sagt Robin. Später kamen Ausflüge dazu, in Museen, Parks, an Orte, von denen er vorher nie gehört hatte – Unternehmungen, die es mit seiner Mutter nicht gegeben hatte. In der Wohngruppe entdeckte er, wie gern er mit Lego etwas zusammenbaute und danach betrachtete, was daraus entstanden war. «Ich war glücklich, wenn ich etwas erschaffen konnte, was andere dann bewunderten.»
Zuhause teilte Robin sich ein Zimmer mit seiner drei Jahre älteren Schwester. Die Mutter war weitgehend auf sich allein gestellt; der Vater, von dem sie sich trennte, als Robin zwei war, spielte in seinem Alltag kaum eine Rolle. Er hatte Alkoholprobleme, lebte zeitweise im Ausland und starb später. Robin sagt, er sei damals zu jung gewesen, um ihn richtig zu vermissen.
Das Geld war knapp, die Stimmung zuhause selten fröhlich; man ass zusammen, danach zog sich jeder zurück. «Spielsachen habe ich zuhause kaum gehabt. Stattdessen habe ich viel Zeit am Handy verbracht», sagt Robin. Seine Mutter habe immer das Beste für ihn gewollt, nur nicht immer gewusst, wie sie ihm das zeigen könne. Als er noch klein gewesen sei, habe sie geschrien und auch zugeschlagen; später habe das aufgehört. Robin erzählt das nicht anklagend, eher so, als versuche er, seine eigene Angst, nach Hause zu kommen, sowie das Verständnis für seine Mutter gleichzeitig festzuhalten.
Robins Mutter sprach nicht gut genug Deutsch, um alle schriftlichen Angelegenheiten selbst erledigen zu können. Seine Schwester musste deshalb schon mit elf oder zwölf Jahren Mails und komplexe Briefe für sie schreiben, deren Inhalt sie teilweise selbst kaum verstand, und bei wichtigen Gesprächen übersetzen. Robin ist ihr dafür bis heute dankbar. «Ich bin froh, dass ich das nicht machen musste.» Doch als das Verhältnis zwischen Mutter und Schwester schwieriger wurde und die beiden zeitweise nicht miteinander sprachen, geriet er dazwischen. Beim Essen redeten beide mit ihm, aber nicht miteinander. Seine Mutter wandte sich mit vielem direkt an ihn. Robin kaufte ein, putzte, wusch ab, kümmerte sich um Wäsche und Abfall – und vermittelte gleichzeitig zwischen Mutter und Schwester. Mit zehn Jahren wollte er diese Rolle nicht mehr.
Rückblickend beschreibt Robin es fast wie zwei parallele Leben: Zuhause sei er häufig auf sich alleine gestellt gewesen, in der Wohngruppe habe er auf die Unterstützung durch andere zählen können. In der Schule sprach er kaum über sein zweites Zuhause – er kannte die Vorstellungen, die viele mit einer Wohngruppe verbanden: vergitterte Fenster, verschlossene Türen, Kinder, die etwas angestellt hatten, oder Eltern, die sich nicht kümmern konnten. Weder sich selbst noch seine Mutter wollte er diesem Urteil aussetzen; meist wusste nur die Klassenlehrperson genauer Bescheid. Für ihn selbst bedeutete die Wohngruppe etwas anderes: einen Ort, an dem Erwachsene für ihn da waren. Schwierig war nur, dass Bezugspersonen, die ihm wichtig geworden waren, manchmal von einem Tag auf den anderen nicht mehr dort arbeiteten. Heute sieht er darin auch etwas Positives: «Es verletzt mich weniger, wenn jemand plötzlich aus meinem Leben verschwindet.»
Unterstützung von aussen könne zunächst etwas sehr Konkretes bewirken, sagt Psychologin Schwald: «Die Last wird auf mehrere Schultern verteilt.» Wichtig sei, dass die Unterstützung nicht einfach von aussen vorgegeben, sondern möglichst gemeinsam mit Eltern und Kindern entwickelt werde. Wenn Eltern dadurch selbst weniger unter Druck stünden, könnten sie ihren Kindern eher emotional zur Verfügung stehen. Es gehe dabei nicht darum, Kindern jede Verantwortung abzunehmen. Altersangemessene Verantwortung könne auch Selbstwirksamkeit vermitteln. Entscheidend sei, «dass aus dem ‹Ich muss› wieder stärker ein ‹Ich kann und darf› wird», sagt Schwald.
Auch Laura hat erst lernen müssen, dass sie nicht für alles zuständig ist. Lange galt sie als diejenige, die alles schafft. Manchmal bekam sie gerade deshalb keine Hilfe: Du kannst das doch allein, hiess es immer. Erst in den vergangenen Jahren hat sie gelernt, Verantwortung auch abzulehnen, wenn diese ihr nicht guttut. Ein Wendepunkt war ihre Lehre. Schon lange wusste sie, dass sie mit Tieren arbeiten wollte. In ihrem heutigen Betrieb erlebt sie ein Team, das zusammenarbeitet. Und sie erfährt viel Wertschätzung. Ihre Mutter bemerkte die Veränderung schon nach wenigen Tagen. Inzwischen hat Laura ihre Lehre abgeschlossen und arbeitet weiterhin dort. Nein zu sagen, fällt ihr noch immer nicht leicht. Wenn eine Freundin sie wirklich braucht, ist sie da. Aber sie fühlt sich nicht mehr automatisch für alles zuständig.
Sophie blickt heute mit mehr Distanz auf ihre Kindheit. Die Wut auf ihre Mutter sei kleiner geworden. Sie erlebe sie heute als empathischer als früher. «Die Vergangenheit kann ich ohnehin nicht ändern», sagt sie. Gewünscht hätte sie sich Erwachsene, die genauer hinschauen. Besonders über emotionale Gewalt werde noch immer zu wenig gesprochen. Viele Kinder und Jugendliche fühlten sich mit ihren Belastungen nicht verstanden.
Robin formuliert einen ähnlichen Gedanken aus einer anderen Perspektive: Er wünscht sich, dass Unterstützung von aussen weniger als Scheitern verstanden wird. Dass Eltern nicht glauben müssen, ihr Kind habe es schlecht, nur weil es zeitweise nicht zuhause lebt. Für seine Mutter sei die Wohngruppe eine Entlastung gewesen; er selbst fand dort Menschen, die sich für ihn interessierten, und Möglichkeiten, die seine Mutter ihm allein kaum hätte bieten können.
Erwachsene sollen genauer zuhören
Heute macht Robin eine Lehre in der Kinderbetreuung. Der Wunsch dazu entstand in der Wohngruppe, wo immer wieder jüngere Kinder waren, mit denen er spielte und denen er half. Beim Schnuppern in einer Kita wusste er: Das könnte mein Beruf werden. Wenn er heute Eltern sieht, die ihre Kinder anschreien oder schlagen, macht ihn das wütend – und doch spricht er über seine eigene Mutter mit viel Verständnis: Sie sei überfordert gewesen. Sollte er selbst einmal Kinder haben, möchte er manches anders machen – zum Beispiel Ausflüge unternehmen, reisen, für sie da sein. Vor allem sollen sie keine Angst haben, mit einem Problem zu ihm zu kommen.
Auch Sophie spricht darüber, was ihr bei einer eigenen Familie wichtig wäre. Wenn sie später Kinder habe, wolle sie vor allem dafür sorgen, dass immer genug zu essen da sei. Laura wünscht sich, dass Erwachsene Jugendlichen genauer zuhören, statt ihnen zu vermitteln, sie müssten mit ihren Belastungen allein klarkommen. Besonders störe sie, wenn Erwachsene Erfahrungen nicht ernst nähmen, nur weil sie selbst nichts Vergleichbares erlebt hätten. «Manchmal müssten sie sich einfach öffnen, zuhören und uns auch mal glauben.»
Wenn Laura und Sophie an ihr jüngeres Ich denken, würden beide ihm vor allem Mut machen und sagen, dass es am Ende gut komme. Robin denkt an den sechsjährigen Jungen zurück, der zum ersten Mal in der Wohngruppe am Tisch sass. Ihm würde er sagen, dass er dort glücklich sein dürfe, dass er Menschen kennenlernen werde, die sein Leben schöner machen – und dass er mit seinen Problemen nicht allein bleiben müsse.
* Die Namen der Protagonist*innen wurden zum Schutz ihrer Persönlichkeit geändert. Auf die Nennung genauer Wohnorte und weiterer identifizierender Angaben wurde teilweise verzichtet. Die Altersangaben sind korrekt.
Hintergründe im Podcast: Simon Berginz spricht mit Autor Demian Cornu über die Recherchen zu dieser Geschichte. surprise.ngo/talk